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Ökoroutine als politisches Konzept

[Literaturtipp] Was macht es auch wissenden Konsumenten so schwer das Wissen umzusetzen und (auch) suffizienter zu leben? Michael Kopatz sucht nach Antworten in seinem bemerkenswerten Buch ‚Ökoroutine‘ und kommt zu einer veränderten Perspektive auf das Thema. Nicht der so häufig (meist verhallende) Appell an die Konsumenten, sich zu beschränken, sondern eine Forderung, die Rahmenbedingungen für die Verbraucher so zu verändern, dass ein Weniger einfacher wird.

Der nachfolgende Beitrag von Michael Kopatz wurde redaktionell leicht gekürzt.

Ökoroutine als politisches Konzept
Strukturen ändern statt Menschen

Befragungen zeigen, dass sich fast die gesamte Bevölkerung mehr Engagement beim Klimaschutz wünscht, doch geflogen wird so viel wie nie zuvor. Kollektiv wollen wir den Wandel, individuell möchten nur Wenige den Anfang machen. Es ändert sich wenig, weil sich die Menschen benachteiligt fühlen, wenn sie »allein« auf den Flug oder das Auto verzichten oder sich einschränken. Das kann sich ändern, wenn wir das erwünschte Verhalten zur Routine machen.

Ökoroutine zeigt: Wir können nachhaltig leben, ohne uns tagtäglich mit Klimawandel oder Massentierhaltung befassen zu müssen. Ökoroutine macht Nachhaltigkeit zum Normalfall; nicht Öko ist exotisch, sondern der verantwortungslose Umgang mit Ressourcen. Ökoroutine nimmt das hohe Umweltbewusstsein der Bürgerinnen und Bürger ernst und  zeigt, wie sich der Wandel zur Nachhaltigkeit verselbständigen kann, wenn wir dafür »Gelegenheitsstrukturen« schaffen.

Routinen
Als Routine bezeichnen wir das, worüber man nicht mehr nachdenkt, nicht mehr nachdenken muss. Das macht Routinen so nützlich. Sie entlasten uns und ermöglichen es, dass wir uns auf das konzentrieren, was eine bewusste Entscheidung verlangt. Anders wäre der Alltag gar nicht zu bewältigen. Jeder Autofahrer lenkt seinen Wagen, ohne die einzelnen Handlungsabläufe zu planen. Schon ein simpler Fahrstreifenwechsel bringt einen beträchtlichen Koordinierungsaufwand mit sich: Kuppeln, schalten, blinken, Schulterblick, lenken, Geschwindigkeit kontrollieren, all das sind zur Routine gewordene Handlungen, die gleichsam automatisch ablaufen – und somit Raum geben, um sich mit dem Beifahrer zu unterhalten oder ein Hörspiel zu verfolgen. Zugleich sind diese Routinen in Strukturen wie der Straßenverkehrsordnung verankert, an die sich alle Verkehrsteilnehmer halten müssen.

Anfang der 1980er Jahre war es Routine, für eine Fahrt im Auto keinen Gurt anzulegen. Zwar haben Polizisten und Medien fortwährend darauf aufmerksam gemacht, wie gefährlich es ist ohne Sicherheitsgurt zu fahren. Man sah Fotos von nicht angeschnallten Unfallopfern und vernahm Empfehlungen den Gurt anzulegen. Doch nur ein kleiner Teil der Bevölkerung hat seine Routinen in Frage gestellt und daraufhin geändert. Der »Impuls« durch Informationskampagnen war offenbar nicht stark genug.

Allseites bekannt ist auch, dass Klimawandel die Existenz von Milliarden gefährdet. Niemand wird sagen: »Huch, das höre ich jetzt zum ersten Mal!« In den Medien werden wir ermahnt unser Verhalten zu verändern und weniger Ressourcen zu verbrauchen. Wir tun nicht, was wir für richtig halten, weil die Informationen nicht unsere Routinen ändern.

Das lässt sich auch neurologisch erklären: Routinen sind sehr tief im Gehirn verankert. Wenn wir neue Fähigkeiten und Verhaltensmuster erlernen, wird zunächst die Großhirnrinde aktiv. Dort sitzt die Zentrale für unser bewusstes Tun, was man im Computertomographen auch sehr schön beobachten kann. Je mehr eine Handlung zur Gewohnheit wird, desto tiefer wandern die Hirnsignale. Versuche zeigen, dass Menschen oftmals an Routinen festhalten, selbst wenn sie nicht mehr davon profitieren.[1] Ganz offensichtlich ist das beim Rauchen von Tabakwaren.

So geht Wandel
Doch Routinen können sich ändern etwa durch einschneidende Erlebnisse wie einem Verkehrsunfall oder die gesellschaftlichen Strukturen, also ein Umfeld, welches den Änderungsprozess unterstützt. Das kann das soziale Umfeld sein, darauf basiert beispielsweise das Konzept der »Weight Watchers«. Von großer Bedeutung ist zudem das objektive Umfeld, etwa Rauchverbote in Gaststätten oder der Preis von Tabak. Die Autofahrt mit dem Gurt wurde letztlich durch ein Verwarnungsgeld Routine. Inzwischen ist das Angurten vor Autofahrten so selbstverständlich wie das Zähneputzen. […]

Standards
Der große Vorteil beim Klimaschutz ist: Unsere Routinen können sich viel leichter ändern als unsere Ernährungsgewohnheiten oder die Rauchgewohnheiten. Effizienzstandards im Neubau verändern das Entscheidungsverhalten von Bauherren ohne deren Zutun. Das ist ungefähr so, als würde man den Nikotin- und Schadstoffgehalt von Zigaretten durch gesetzliche Vorgaben schrittweise so weit reduzieren, dass sie am Ende nicht mehr gesundheitsschädlich sind. Die schrittweise angehobenen Energiestandards für Neubauten haben die Bauherren von komplizierten Gewissensfragen entlastet. Die Mehrkosten amortisieren sich über die nächsten 30 Jahre. […] Das Konzept der Ökoroutine funktioniert. Das zeigen auch die Effizienzfortschritte im Neubau.

Limits
Damit grüne Technologien ihre Wirkung voll entfalten können, ist es an der Zeit, absolute Grenzen zu etablieren. Mit anderen Worten: Es gilt, die Expansion zu begrenzen. Notwendig sind Limits für Wohnflächen, Tempo, Parkplätze, Straßenbau, Flughäfen, Pestizide, Düngemittel und Kohlestrom. Fliegen ist zur Routine geworden, doch wenn die Starts und Landungen der Flughäfen auf dem gegenwärtigen Niveau stabilisiert werden, dann können effizientere Flugzeuge absolute Verbrauchsminderungen herbeiführen. Statt von den Menschen einzufordern, weniger zu fliegen, ist es realistischer, die Expansion der Fliegerei insgesamt zu limitieren.

[…] Ebenso dynamisiert eine Begrenzung des Wohnungsbaus die Minderung des Wärmebedarfs. So betrachtet haben Limits das Potenzial Reboundeffekte zu entkoppeln.

Ein Tempolimit begrüßen sogar oftmals Menschen, die gerne schnell fahren. Einfach weil sie es für richtig halten, aber sich selbst nicht dazu durchringen können. Limits helfen uns dabei, dass unsere Verhaltensweisen genügsamer werden. Gefordert wird hier also nicht die Schrumpfung. Das muss man betonen in einer Zeit, in der die Begrenzung von Expansion häufig schon als Verzicht bezeichnet wird. […]

Bio für Alle
Ökoroutine hat sich in den Bereichen Bauen und Wohnen also bereits weitgehend etabliert. Das gleiche Konzept lässt sich auch auf viele andere Bereiche übertragen, etwa die Landwirtschaft. Notwendig ist lediglich die weitere Begrenzung des Eintrags von Pestiziden und Düngemitteln. Das Regelwerk ist bereits vorhanden. Schon heute schreibt die Europäische Union den Landwirten detailliert vor, welche Grenzwerte einzuhalten sind. Ein Fahrplan für die Agrarwende müsste nur noch vorgeben, in welchem Ausmaß und Zeitraum der Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln und Dünger zu reduzieren ist. Das kann eine großzügige Zeitspanne sein, etwa bis zum Jahr 2030. […]

Fairness
Standards und Limits machen sich nicht unmittelbar in der Geldbörse bemerkbar und lassen sich kaum als unsozial abtun. Ein Tempolimit etwa ist zutiefst solidarisch. Alle sind gleichermaßen betroffen. Wenn hingegen die Benzinpreise steigen, werden Arme ihr Auto kaum noch nutzen können. Wohlhabende müssten sich hingegen nicht einschränken. Die Betroffenheit wäre ebenfalls gerecht verteilt, würden keine neuen Straßen mehr gebaut. Zwar hat ein Straßenbau-Moratorium die Anmutung einer Utopie, unfair ist es jedoch nicht. […]

Freiheit: Ökoroutine ist ökoliberal
Auf das Steuerungskonzept der Ökoroutine mag man entgegnen, solche Vorgaben seien staatsautoritär. Hingegen sei es ein Kennzeichen der individuellen Freiheit und läge im persönlichen Ermessen, etwa die Geschwindigkeit des Autos selbst zu bestimmen. Doch der Auto- und Flugverkehr unterdrücken massiv die Freiheitsrechte der Anwohner und das Recht auf körperliche Unversehrtheit von Fußgängern und Radfahrern. Und ganz offensichtlich ignoriert unsere Lebensweise die Freiheitsrechte der zukünftigen Generationen. Absolute Grenzen für Ressourcenverbrauch und CO2-Ausstoß sind geradezu zwingend notwendig, wenn man den Freiheitsgrundsatz zu Ende denkt. […]

Regelwerke sind ein Wesensmerkmal der Demokratie. Neue Regeln kommen immer dann in die Welt, wenn neue Probleme entstehen. Gesellschaft verändert sich. Demgemäß sind auch die Regelwerke beständig zu überdenken und zu reformieren. Eine Reform von Regeln entsteht durch Wertewandel, zum Beispiel die Gleichberechtigung der Frau. Vom Wahlrecht bis zur Quotenregelung für Aktienvorstände, vieles basiert auf Werturteilen, die ihrerseits in Bewegung sind. Manchmal gehen die Gesetze einen Schritt vor und wieder zurück. So betrachtet ist Ökoroutine kein starres Konzept, sondern eine kontinuierliche Metamorphose.

[1] Trafton, Anne (2012): How the brain controls our habits, in: http://news.mit.edu (29.10.2012)
[2] Statistisches Bundesamt, www.destatis.de: Konsumausgaben privater Haushalte. Nahrungsmittel (7.12.2015)
[3] Schneidewind, Uwe / Zahrnt, Angelika (2013): Damit gutes Leben einfacher wird. München, S. 23.

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