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10 Milliarden (sind zu viel)

Titel des Buches 10 Milliarden von Stephen Emmott

[Literaturtipp] „I think we’re fucked“ – Das flott erzählte und graphisch ansprechende Buch von Stephen Emmott wirkt lange nach. Man gelangt beim Lesen eindrücklich zu den Fragen und Antworten, warum wir den Klimawandel und dessen Konsequenzen nicht aufhalten können.

Ehrlich gesagt, in dem Buch steht kaum etwas, was man nicht schon mal an anderer Stelle gelesen oder gehört hat. Wir wissen, wenn wir so weiterwirtschaften, wird der globale Wandel für uns Menschen recht unerfreulich. Es gibt schon seit über 30 Jahren vielzählige Veröffentlichungen und Beiträge auf allen Kanälen. Aber genutzt – in dem Sinne, dass der uneingeschränkte Verbrauch von Ressourcen sinken würde – haben sie alle noch nicht.

Entweder wollen wir nicht wissen oder haben noch nicht verstanden, was passieren wird oder die Adressaten (Politiker und/oder Konsumenten) sind noch nicht ausreichend deutlich angesprochen worden, sodass sich irgendwer veranlasst gefühlt haben könnte, wirklich im Sinne eines substantiellen Klimaschutzes zu handeln?

Ich habe das Buch von meiner Tochter geschenkt bekommen. Großartig. Die seit der Pubertät immer wieder dezent mindestens aufgedrängte Auseinandersetzung mit der Verletzbarkeit unseres Seins auf der Erde hat wohl Früchte getragen. Mit entsprechender Wertschätzung habe ich mich dem Buch genähert. Die darauffolgende Nacht habe ich schlechter als nach dem Tatort geschlafen.

Der Untergang ist offensichtlich und scheinbar unvermeidbar

Dabei beschreibt Stephen Emmott, wissenschaftlicher Leiter eines Microsoft-Labors in London, mit dem nüchternen Blick eines solchen sehr nüchtern, ohne moralischen Unterton, die Lage in der wir uns befinden. Mit Zahlen, Fakten, Bildern, die gut nachvollzieh beschreiben, welche Probleme auf uns infolge des Bevölkerungswachstums und unserer Lebensweise in den nächsten Jahren bevorstehen. Kohlenstoffemissionen, Wasserknappheit, Müllhalden, Flugbewegungen, Nahrungsmittelversorgung, … nicht eine Entwicklung, die hoffnungsvoll stimmen könnte. So bleibt Emmott am Ende des Buches nichts anderes übrig als in seiner sachlichen Art zu konstatieren: I think we’re fucked.

Was macht das Buch so leicht konsumierbar?

Man kann die gleichen Fakten und Informationen auch anderen Büchern entnehmen, aber das Buch ist empfehlenswerter als andere, weil:

  1. Es handelt sich um etwas, was man als ‚Fast (Lese) Food’ bezeichnen könnte. So schnell ist es verzehrt, aber eben nicht verdaut. Emmott bleibt einem im Magen liegen.
  2. Im Buch wird nicht diskutiert, sondern unzweifelhaft formuliert. Die Einfachheit der Aussagen, die eindeutigen Grafiken, Bilder, Schlussfolgerungen lassen keine Missverständnisse zu.
  3. Die überwiegend kurzen Sätze schaffen es das wohlige Wohlstandsgefühl zu durchdringen.
  4. Eine grafische Leere zwingt auf die Inhalte. Querlesen geht gar nicht. Manchmal ist nur ein Satz auf einer Seite. Der sitzt und nimmt sich den erforderlichen Raum.

Man kann sich also kaum wehren, die Botschaft kommt an, das Gefühl fucked zu sein, überträgt sich. Aber hat das Buch auch – im Gegensatz zu den Hunderten anderer – das Potenzial etwas oder mich zu verändern, kann es die Kluft zwischen Wissen und Handeln beim Leser zumindest nur ein bisschen schließen?

Ja: so eingänglich die Botschaft, so erschreckend die nüchterne Schilderung, dass man nicht mehr vergisst, was man gelesen hat. Man ist fest entschlossen, seinen möglichen Teil zu versuchen.

Und Nein: Individuelles Handeln für den Klimaschutz geht oft gegen eigentliche persönliche Interessen. Den Nutzen daraus hätte nur eine Allgemeinheit. Daher werden die Klimaschutzziele nicht nur mit solchen Büchern erreicht werden. Sie sind ein Baustein für eine nachhaltige Gesellschaft, doch weitere fehlen. Für die ist die Politik verantwortlich. Es müssen Grenzen definiert, für die Menschen verbindliche Schutzregeln vereinbart und für ein verantwortliches Leben förderliche Rahmen geschaffen werden. Denn – daran lässt Stephen Emmott keine Zweifel. Ohne kurzfristige und drastische Änderungen im Konsumverhalten, werden seine Szenarien mit großer Wahrscheinlichkeit Wirklichkeit.

Quelle:
Suhrkamp


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