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Suffizienzpfad Energie – die Grundlagenstudie

[Literaturtipp] Seit vielen Jahren ist die Schweiz führend in der Entwicklung und Umsetzung von Nachhaltigkeitsstrategien im Bauwesen. Demnach lohnt es den Fortschritt unserer Nachbarn im Blick zu behalten – auch und insbesondere in Bezug auf Suffizienz.

In der internationalen Fachwelt gelten beispielsweise die nachfolgenden Leitfäden und Arbeitshilfen als Meilensteine:

  • Empfehlungen zum Nachhaltigen Bauen (SIA 112/1, 2004)
  • Systematik für nachhaltigkeitsorientierte Architekturwettbewerbe (SIA D0200, 2004)
  • das energiepolitische Modell der 2.000-Watt-Gesellschaft, dass in Zürich im Jahr 2008 in der Gemeindeordnung festgeschrieben wurde.

Ebenfalls von der Stadt Zürich wurde im Jahr 2012 der „Suffizienzpfad Energie – Das Beispiel Wohnen“ veröffentlicht. Die Grundlagenarbeit beschreibt erstmals konkret, welches Reduktionspotential an Primärenergie und Treibhausgasemissionen sich durch moderat suffizientes Nutzerverhalten erschließen lässt. In der Studie werden somit vor allem die Maßnahmen betrachtet, die noch bestehen, wenn die Gebäudehülle bereits hochwertig gedämmt ist (= Effizienz) und auch ein hoher Anteil erneuerbarer Energie genutzt wird (= Konsistenz).

Die Methodik

Der „Suffizienzpfad Energie“ betrachtet drei Hauptaspekte in seiner ganzheitlichen Bilanz: Den Strom- und Wärmebedarf im Gebäudebetrieb, die „Graue Energie“ bei der Gebäudeerstellung sowie das Mobilitätsverhalten infolge Standortwahl und ÖPNV-Erschließung. Das Konzept überzeugt insbesondere, da bei effizient und konsistent errichteten Gebäuden die Erstellung und Mobilität mehr als die Hälfte des Gesamtenergieverbrauchs beanspruchen.

Einsparpotentiale durch moderate Suffizienz

Einsparpotentiale durch moderate Suffizienz

Suffizienz-Potentiale: Wohnfläche, Nutzerverhalten und Mobilität

Die drei wesentlichen Ergebnisse der Untersuchung sind der o. g. Abbildung zu entnehmen:

  • Die Wohnfläche pro Kopf liegt in der Schweiz aktuell bei rund 45 Quadratmeter. Mittels Flächenreduktion auf 30 Quadratmeter könnten der Primärenergiebedarf bzw. die Treibhausgasemissionen um ca. 15 Prozent gesenkt werden.
  • Beim Haushaltsstrom (Anzahl und Nutzungsintensität von Geräten) sowie beim Warmwasserverbrauch ist der Einfluss der Nutzer besonders bedeutsam. Durch moderat suffizientes Verhalten lassen sich die Treibhausgasemissionen um etwa 10 Prozent und der Primärenergiebedarf um rund 18 Prozent reduzieren.
  • Ein weiteres Potential besteht bei der Alltagsmobilität. Eine geringere PKW-Verfügbarkeit, verringerte Distanzen beim Freizeitverkehr und vor allem konsequent mit dem ÖPNV zurückgelegte Arbeitswege könnten zu Einsparungen bei den Treibhausgasemissionen von ungefähr 20 Prozent und beim Primärenergiebedarf von etwa 12 Prozent beitragen.

Das Resümee der Studie

Die Grundlagenstudie kommt zu dem Fazit, dass sich die Ziele der 2.000-Watt-Gesellschaft – bezogen auf den gesamten Gebäudebestand in der Schweiz – lediglich unter Einbeziehung von Suffizienzmaßnahmen erreichen lassen. Des Weiteren erstaunt, dass sich selbst bei effizient und konsistent errichteten Gebäuden mit Geräten der besten Effizienzklasse durch moderate Suffizienz Treibhausgasemissionen und Primärenergiebedarf nahezu halbieren könnten (- 45 Prozent).

Für Bauherren und Architekten entsteht daraus die wichtige Aufgabe, Wohnungen mit gleichermaßen moderater Fläche und hoher Wohnqualität bereitzustellen. Als wesentliche Voraussetzung für den Wandel zeigt die Studie aber gesellschaftliche Entwicklungen auf, die zwar gefördert, jedoch kaum verordnet werden können. Suffiziente Energienutzung wird sich als freiwilliges und erstrebenswertes Handeln demnach nur etablieren, wenn der vermeintliche Verzicht als Gewinn an Lebensqualität anerkannt wird.


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